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Well-being editorial

Star-Kolumnistin Suse Kaloff über das Weglassen

Von Suse Kaloff
Lesezeit: ca. 3 Minuten


Haben wir nicht alle Hunger auf das Leben?

Weglassen war schon immer mein Hobby. Als Siebenjährige verlies ich einmal das Haus ohne Unterhose, was ich erst bemerkte, als wir bereits alle unangeschnallt und paffend im Ford Taunus saßen. Also mein Vater rauchte, nicht ich. Später, mit Neunzehn hockte ich in Los Angeles in einer Villa gegenüber des Hollywood Sign und lies Fleisch weg. Über Nacht, einfach so, weil ein anderes Au-Pair Mädchen aus Wien sagte, vegetarisch leben sei irre gesund. Das war Ende der Achtziger, als das Wort vegan noch nicht auf der Speisekarte des DB-Bordrestaurants stand und das Klima scheinbar noch in Ordnung war. Mitte der Neunziger lies ich auch mal fünf Tage alles weg außer Wasser, weil meine Mutter das Heilfasten für sich entdeckt hatte und ich den Trend aus spirituellem Appetit mitmachte. So wie man heutzutage ohne viel Gewese kleine, glitschige Augen frühstückt, weil eben jeder Chiasamen in sein Müsli rührt. 

Kurz nach einem vorübergehendem Fastenhoch lies ich die Verhütung weg, bekam einen Sohn von einem Mann, den ich sechs Wochen lang kannte und lies Marlboro Light weg. Ich war 27 und als wir uns trennten, Bums, plötzlich 40. Vor Schreck verbrachte ich die Nächte fortan ketterauchend und Gin Tonic trinkend mit einem Lover auf meinem Teppich oder im Club. Ach, war bloß so ne kurze Phase der Rebellion. Als ich wieder zu mir kam, war es 2016 und ich lies Alkohol weg. Nicht mal nur kurz, weil zufällig Januar war, sondern für länger. Mindestens ein Jahr war der Plan. Es wurden drei draus, oder vier? Ich hörte auf zu zählen, schrieb ein Buch darüber („Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“) und verliebte mich auf halber Strecke ausgerechnet in einen Franzosen. Wir reisten einen Sommer und einen Winter um die Welt, tranken Limonaden statt Pastis, hatten furchtbar viel Spaß. Bis ich satt war und Adieu sagte. 

Wann immer ich Wind von einer Sache bekam, auf die man, aus welchen Gründen auch immer, verzichten soll, war ich die Erste, die hier schrie. Zucker ist ungesund? Hier, ich, no problem, lass ich weg! What, Kaffee ist Teufelszeug? Hier, ich, weg damit! Sex hindert an der Erleuchtung! Och, kein Ding, Diggi, Ciao Kakao. Bis es anfing, mich zu nerven, bis ich überall nur noch „ohne“ las und hörte: Ohne Gluten, ohne Hefe, ohne Koffein, ohne Salz, ohne Ei, ohne Fleisch, ohne Soja, ohne Laktose, ohne Erdnüsse, ohne Weizen, ohne Fett... Bald gibt es sicher auch eine Bewegung, die heißt „Ohne alles!“ Ich glaube durchaus an die Kraft einer gesunden, ausgewogenen Ernährung, glaube an die Natur, an die Energie von Gemüse in Regenbogenfarben, glaube an Matcha und Chlorophyll, trinke bis heute kaum Alkohol und wenn, dann nur in homöopathischen Dosen, aber ich glaube nicht mehr an das Märchen meiner Kindheit („Wenn Ihr sonntags vor dem Frühstück Süßigkeiten esst, kriegt Ihr Würmer!“) und auch nicht, dass man schlechte Haut von Kaffee bekommt oder die Welt von Weißmehl untergeht. Ich glaube an das ganze Leben, an Buttercroissants, die Liebe und an die Weisheit unserer Körper! 

photography by brita sönnichsen

Well-being Experte

Suse Kaloff

Bestseller- und Star-Autorin aus Hamburg. Mit ihren frechen, frischen, authentischen, vor allem aber dabei tiefsinnigen Veröffentlichungen bereichert Suse nun auch yoself. Jeden Monat denkt sie in ihrem Editorial mit uns über das Leben in Balance nach - mit allem, was dazugehört. (Foto: Brita Sönnichsen)