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Well-being editorial

Unsere Star-Kolumnistin Suse Kaloff regt sich diesmal richtig auf: „Nein danke, ich muss nicht repariert werden!“

Von Suse Kaloff
Lesezeit: ca. 3 Minuten


Wann weiß man, dass man steinalt ist, ohne in den Spiegel zu gucken? Einfach Laptop öffnen und die E-Mails checken. Sollte eine Nachricht eingetroffen sein, in der dir das verlockende Angebot gemacht wird, Inkontinenzunterwäsche zu testen und im Gegenzug eine Story auf Instagram darüber zu posten, weißt du sicher, dass nun alles zu spät ist. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich 53, nicht 93 bin und glücklicherweise bisher noch keine Windeln trage, machte mich eine Sache daran noch wütender: Kaum ist die letzte Menstruation getrocknet, wird Frauen eingeredet, nun an einer neuen Unannehmlichkeit zu leiden, für die es natürlich direkt das passende Produkt zu kaufen gibt. Wann immer etwas an Frauen verkauft wird, läuft es nach dem gleichen Muster ab: Erst werden sie verunsichert, um ihnen dann etwas anzudrehen, das sie angeblich wieder empowern soll. Wenn ich das Wort schon höre: Empowern, so ein Bullshit! Muss man sich nicht fragen, warum Frauen überhaupt ermächtigt werden müssen? Ermächtigt werden muss man doch nur, wenn man vorher entmachtet wurde. Das passiert täglich, überall. Vor allem aber: auf Social Media. Es gibt keinen Ort, der sich besser für das Einreden von Mängeln eignet, keinen, der mehr verunsichert und dir deine angeblichen Makel vor Augen führt. 

Mit Angst lässt sich sauviel Geld verdienen. Es ist seit jeher eines der lukrativsten Geschäfte, Frauen weiszumachen, sie müssten repariert werden, weil so, wie sie sind, etwas mit ihnen nicht stimme. Als ich siebzehn war, sagte einmal ein Reformhausbesitzer ungefragt zu mir: „Tsss, so ein schönes Mädchen, aber so eine schlechte Haut!“ Ich stand vor dem Hautpflegeregal mit einer Tube Karottencreme in der Hand und war mit einem Schlag defekt. Ich trage diesen Satz seit diesem Tag, also genau genommen seit 13.140 Tagen, mit mir herum und versuche, das Problem zu beheben. Das Problem, ein Mensch zu sein, mit Poren, Pickeln, Falten, ein Wesen aus Blut, Schweiß und Tränen. Hätte mir damals im Reformhaus jemand gesagt, dass mir 36 Jahre später ein Anti-Falten-Schlafkissen angedreht werden würde, mit dessen Hilfe ich in wenigen Nächten wieder wie ein Teenager aussehen würde, hätte ich vor Lachen nicht mehr in den Schlaf gefunden. Das Spezialkissen war auch so ein Kooperationsdeal, drauf pennen und dann posten. Dazu kam es aber nie, weil ich es direkt aus dem Fenster pfefferte. 

Nun sollte ich also in der wasserfesten Unterwäsche auf Instagram herumtollen, damit meine Followerinnen denken: Ach, wenn die Kaloff den Schlüpper trägt, ist der sicher cool. Grundsätzlich bin ich ein Fan davon, über Tabuthemen zu reden, und es ist doch super, wenn es der ein oder anderen hilft. Aber mir widerstrebt es, wie Frauen instrumentalisiert werden. Für jedes scheinbare Manko gibt es immer direkt das Antidot im Außen. Für jeden toxischen Trend gibt es ein Gegengift zu bestellen. Immer ist die Rettung nur einen Klick entfernt. Ich habe auch einen heißen Tipp parat: furchteinflößende Facelift-Vorher-Nachher-Videos auf @injectorbunny angucken (eines meiner geheimen Hobbys), dabei fünfzig Mal den Beckenboden an- und entspannen, das eigene Gesicht in beide Hände nehmen und mir nachsprechen: „You don’t need to be fixed.“ Bringt weder Kohle noch Follower, aber ganz sicher ganz viel Empowerment. 

Well-being Experte

Suse Kaloff

Bestseller- und Star-Autorin aus Hamburg. Mit ihren frechen, frischen, authentischen, vor allem aber dabei tiefsinnigen Veröffentlichungen bereichert Suse nun auch yoself. Jeden Monat denkt sie in ihrem Editorial mit uns über das Leben in Balance nach - mit allem, was dazugehört. (Foto: Brita Sönnichsen)