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MIND & SOUL editorial

Vielleicht ist ein Kranich alles, was uns zum Glück fehlt

Von Suse Kaloff
Lesezeit: ca. 5 Minuten


Ich suche eine neue Wohnung. Nicht mehr, sondern weniger. Was wie ein Mantra klingt ist es auch. Seit Jahren gibt es mir inneren Frieden, mich zu entlasten, weniger zu haben, mehr zu sein. Wertzuschätzen, was bereits ist. So deep es sich anhört, so simple ist es: Um alles, was ich nicht besitze, muss ich mich nicht kümmern. Wenn ich mich weniger um die Dinge scheren muss, habe ich mehr Zeit, mich um anderes zu scheren. Den Menschen und Sachen, die mir was bedeuten, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Beispiel mich und eine Freundin endlich mal beim Origami-Kurs in diesem hübschen japanischen Laden in der Hamburger Neustadt anmelden (Akiko heißt er). Ich könnte dort lernen, wie man aus Seidenpapier einen Kranich faltet. Er soll Glück bringen. Vielleicht würde ich in meiner gewonnenen Zeit auch nicht basteln, sondern auf die Elbe glotzen, einfach so, ohne Sinn und Gewinn. Die Dinge, die nichts kosten, weder den Verstand noch Kohle, sind die Schönsten. Nicht nur, aber auch, weil Inflation ein Biest ist. Ich müsste weniger putzen, weil weniger Krempel weniger Dreck macht. Hätte mehr Freiheit, weil weniger Miete mich unabhängiger macht. Könnte vier Wochen auf einer griechischen Insel abhängen und schreiben, ohne mich währenddessen zu sorgen, ob der Wildfremde von Airbnb meanwhile zu Hause in meinem Hamburger Bett raucht oder Spuren seiner Aura auf meiner kostbaren Kokosnussfaser-Matratze hinterlässt.   

Konkret heißt das: Zwei statt drei Zimmer, bitte. Wenn man diese Immobiliensuche falsch interpretiert, könnte es wie ein Mangel klingen, wie ein Downgrading, weil ich mir meine Bude nicht mehr leisten kann. Das wäre ein Missverständnis. Wahr ist: Ich kann es mir nicht mehr leisten, meine Lebenszeit damit zu vergeuden, Geld zu verdienen, um mir Dinge anzuschaffen, die ich nicht brauche, um möglicherweise Menschen zu beeindrucken, die mir schnurz sind. Es ist lange her, dass ich imponieren wollte, noch länger ist es her, dass ich mir zu diesem Zweck eine It-Bag (allein das Wort, haha) geshoppt habe. Stattdessen verkaufe ich nun meinen Beni-Ourain-Teppich, weil ich im Zuge meiner Wohnungssuche in zu viele Buden geguckt habe, die alle exakt gleich aussahen: ein schwarz-weißer Berberteppich, ein String-Regal, eine weiße Poulsen-Lampe, ein USM Haller-Sideboard, ein Togo-Sofa und eine Monstera-Pflanze. Der Grund, warum ich alte, einmalige, unperfekte Sachen in der Mode wie im Wohnzimmer so mag, ist genau das Gegenteil von Trend. Ein Trend ist ja eine Massenbewegung, eine Art Dominoeffekt, eine fängt an, alle anderen laufen hinterher. Ich besitze glücklicherweise auch nur vier dieser oben aufgezählten, inflationären Wohntrends, aber es sind drei zu viel. Jede Wohnung, jedes Möbelhaus, jedes Hotel ist nun matschfarben, minimalistisch, wirbt mit dem Begriff Wabi-Sabi. Diese alte Form von japanischer Ästhetik, deren Ursprung im Zen-Buddhismus liegt, wird als Trend missbraucht, dabei handelt es sich nicht um Interieur-Tipps, sondern um eine ganzheitliche Lebenseinstellung: Es ist ein Konzept der Wahrnehmung von Schönheit in allem, was veränderlich, vergänglich, unvollkommen ist. Es schätzt Risse und Furchen, die durchs Leben gehen. Yourself included. Und erinnert uns leise daran, dass wir alle nur vorübergehend hier auf diesem wunderschönen Planeten sind. 

PS: Wer mehr darüber lesen möchte, mein Lieblingsbuch heißt „Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers“ von Leonard Koren.

Foto: Brita Sönnichsen

Well-being Experte

Suse Kaloff

Bestseller- und Star-Autorin aus Hamburg. Mit ihren frechen, frischen, authentischen, vor allem aber dabei tiefsinnigen Veröffentlichungen bereichert Suse nun auch yoself. Jeden Monat denkt sie in ihrem Editorial mit uns über das Leben in Balance nach - mit allem, was dazugehört. (Foto: Brita Sönnichsen)